Dienstag, 23. November 2010

Plaudertaschen

Ich pendle täglich 45 Minuten zwischen meinem Wohn- und Arbeitsort und brauche diese Zeit, um morgens wach zu werden bzw. abends «runterzukommen». Neuerdings fährt mein Nachbar die gleiche Strecke, und er plaudert unheimlich viel. Ich überlege mir schon, meine Stelle zu wechseln oder Nachtschicht zu arbeiten. Reto B., Elgg

Das kommt mir irgendwie bekannt vor! Auch ich habe eine Weile meine Schiebermütze ganz tief ins Gesicht gezogen und den Mantelkragen hochgeklappt, um geschwätzigen Mitpendlern zu entkommen. Sie entdecken einen dann meistens doch und quasseln einen halbtot. Eine Zeit lang versucht man sich mit Laptop und Musikplayer abzukapseln, aber irgendwann kommt der Moment, wo die Wahrheit ausgesprochen werden muss: Ruhe!

Man kann es auch netter sagen. Vielleicht ergreifen Sie einfach mal ganz ruhig das Wort und schildern der Nervensäge, wie unheimlich wichtig für Sie diese Zeit der Kontemplation und Einkehr ist. Und dass Ihnen das noch viel bewusster geworden ist, seit Sie vor zwei Jahren aus der zwölfjährigen Haft entlassen wurden, die Sie verbüssten, weil Sie einen anderen Bahnreisenden erwürgt hatten. Dazu fletschen Sie zweimal seltsam mit den Zähnen und grinsen ein bisschen irr.

Ist Ihnen das zu krass? Dann eben Plan B: Halten Sie dem Nachbarn diese Zeilen wortlos hin: «Da, lies mal!» Wenn auch das nicht fruchtet, wechseln Sie wieder zu Plan A. Manchmal muss man sich einfach ein bisschen ins Abseits manövrieren, um Ruhe zu haben...

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Im Fegefeuer

Ich habe unlängst im Zug ein herrenloses Mobiltelefon gefunden und konnte es nicht lassen, alle darauf gespeicherten Nachrichten zu lesen, bevor ich das Gerät dem Zugbegleiter zur Weiterleitung an den rechtmässigen Besitzer übergab. Es war höchst pikant; doch nun frage ich mich, ob ich mich schwer am guten Stil versündigt habe? Therese R., per E-Mail

Sie unverfrorene Ketzerin, wie konnten Sie nur! Dafür werden Sie im Winter drei Tage lang in der Zürcher Bahnhofshalle angekettet, wo Sie jeder sehen und beschimpfen kann. Wollten Sie so etwas hören, richtig? Nun gut, stellen Sie sich Ihre gerechte Strafe für ihre Neugier einfach plastisch vor, dann ist es ja vielleicht auch schon gut.

Denn fein war das natürlich nicht, was Sie da getan haben. Es war ziemlich ungehörig – andererseits sicher auch lustig, nicht? Denn mit Ihrem Fund haben Sie völlig unverhofft intimen Einblick in das Leben eines Wildfremden bekommen, und das ist ja im Zeitalter von Celebrity-Magazinen, Casting-Shows und Big-Brother-TV ein hohes Gut. Für diesen Kick schalten andere Menschen jeden Abend die Glotze ein.

Mein Rat: Geniessen Sie, aber schweigen Sie einfach über all das, was Sie wissen – ganz ungeachtet der Tatsache, dass Sie die Person, der das Telefon gehört, nicht kannten. Denn sonst passiert Ihnen genau dasselbe bei Ihrer nächsten Zugfahrt und dieser böse Geist verfolgt Sie für den Rest Ihres Lebens. Schweigen Sie, um Ihre verdorbene Seele zu retten. Immerhin haben Sie das Gerät ja zurückgegeben, das dürfte man Ihnen beim jüngsten Gericht noch strafmildernd anrechnen.

Freitag, 3. September 2010

Lauschangriff

Ich kann nicht anders, als im Zug meine Mitpendler zu belauschen. Darf man das? Und: Wie macht man es mit Stil? Katja W., per E-Mail

Katja W. – die Zug fahrende Legende! Ich bewundere, mit welcher unglaublichen Robustheit Sie in Ihrer Kolumne über das Leben als Pendlerin das Erlebte verdauen. Ich «darf» ja nur alle paar Wochen ran, aber Sie – jede Woche zweimal, dazu unter den unbarmherzigen Augen der Leser des grössten Schweizer Revolverblattes («Blick am Abend», Anm. d. Red.)! Doch genug geschleimt und geflirtet.
Sie fragen zwei Dinge. Erstes muss ich folgendermassen beantworten: Man darf andere Menschen im Zug natürlich nicht belauschen – aber man tut es trotzdem, und erst noch mit Lust! Wenn man es tut, um daraus Erkenntnisse (über die Welt und ihre Bewohner) zu gewinnen und diese mit anderen Menschen zu teilen, so wie Sie es tun, dann hat ihr heimliches Zuhören etwas Heroisches. Ihre Beobachtungen werden späteren Generationen unschätzbare Hinweise auf die Gemütslage einer Nation zu Beginn des dritten Jahrtausends liefern.
Ob es nun wichtig ist, andere «stilvoll» zu belauschen, möchte ich jedoch in Frage stellen. Sie können natürlich ganz chic und damenhaft die Beine übereinander schlagen, aber viel wichtiger ist doch, dass Sie Ihre Lauschangriffe möglichst diskret führen. Nur so können Sie wirklich authentische Geschichten aufschnappen. Tun Sie so, als ob Sie ein Buch lesen – vergessen Sie aber nicht, hin und wieder eine Seite umzublättern, um nicht aufzufliegen! Oder kaufen Sie sich einen grossen Kopfhörer, die gerade sehr trendy sind, und tun so als ob Sie Musik hören. Ich freue mich jedenfalls auf Ihre neuen Geschichten!

Montag, 16. August 2010

Im Familienwagen

Wenn ich mit meiner Enkelin reise, fahren wir im Familienwagen der SBB. Das Klettergestell, die Rutschbahn und die Möbel werden mit grosser Begeisterung in Beschlag genommen. Noch toller wäre es, wenn die Eltern (_oder Grosseltern) auch Gelegenheit hätten, sich hinzusetzen. Leider sind die Plätze allzu oft von «kinderlosen» Reisenden besetzt. Alice H., Thun

Eine Aufforderung, die Sitzplätze für Familien freizugeben, drängt sich ja geradezu auf! Denn es gibt nun wirklich keinen vernünftigen Grund, sich in den Krabbel- und Schreiwagen zu setzen, wenn man selbst nicht mindestens ein Kind dabei hat. Oder sitzen da vielleicht Menschen, die sich unbändig über kleine Kinder und ihr ungestümes Tun freuen? Die Kinder in grossvolumigen Taschen mittransportieren? Oder die selber unglücklich kinderlos geblieben sind? Dann müsste man eine gewisse Nachsicht an den Tag legen. Aber sonst? Weg mit diesen Irrläufern!

Zeigen die «falsch Sitzenden» nach einmaliger, höflicher Bitte, sich woanders hinzubewegen, keine Reaktion, müssen Sie die ganzen Talente Ihrer kleinen Begleiterin ins Spiel bringen: Lassen Sie die Enkelin Lieder singen und krächzen, herumrennen, klettern, springen und an allem herumzupfen, was sich ihr in den Weg stellt. Wer dann noch immer demonstrativ sitzen bleibt, muss komplett stumpf oder vielleicht schon tot sein. Und ganz wichtig: lächeln Sie immer selig dazu, denn Sie müssen auf jeden Fall souverän bleiben, auch wenn Sie innerlich fast explodieren.

Montag, 3. Mai 2010

Anstandsprotokoll

Tut man es oder tut man es nicht; jemandem die Türe aufhalten, der nach mir kommt; im Zug fragen, ist der Platz noch frei; beim Betreten eines Ladenlokals zu grüssen und sich zu bedanken? Ich (57) komme mir hoffnungslos veraltet vor! Zudem, muss ich mich entschuldigen, wenn ich niesen muss? Verena F., Lachen

Liebe Verena, eine scheue Frage zuerst: sind Sie neu hier? Denn nun verhandeln wir hier seit zweieinhalb Jahren wortreich die wichtigsten Fragen des Stils, des Anstands und des zwischenmenschlichen Augenmasses (im öffentlichen Verkehr), und jetzt kommen Sie, und werfen frech all jene Fragen erneut in die Runde, welche wir hier schon alle durchgekaut haben? Tss. Aber nun gut, ich will ein Nachsehen haben und ganz blitzschnell auf Ihre drängendsten Fragen antworten. Ja, ja, ja, ja – und nein.

Etwas ausführlicher? Bitte sehr. Die Türe dem nachfolgenden Mitmenschen aufhalten? Ganz selbstverständlich und ohne Ausnahme, es muss ganz automatisch geschehen. Nach einem freien Platz zu fragen? Aber sicher, gerne mit einem sympathischen Grusswort und ein bisschen Eloquenz, also nicht einfach schnoddrig „’schnofrei?“. Beim Betreten eines Geschäfts zu grüssen und sich beim Verlassen desselbigen zu bedanken? Aber klar, allen anderen Kunden sollte man nichts weniger als einen Fusstritt hinterher reichen! Und schliesslich: sich entschuldigen, wenn Sie niesen? Aber nein doch! Sie tun dies ja nicht aus böser Absicht, sondern weil Ihr Körper rebelliert. Dafür muss man sich allerdings nur im Fall von gröberem Auswurf entschuldigen. Eine Hand oder besser ein Taschentuch vor den Mund zu halten, das wäre aber schon das Mindeste.

Wir wünschen gute und stilvolle Fahrt in unseren majestätischen Bundesbahnen!

Völkerwanderung

Ich habe ein Generalabonnement 1.Klasse und fahre leidenschaftlich gerne Zug. Mich stört aber gewaltig, wenn vor der Ankunft an einem Kopfbahnhof die Massenwanderungen nach vorne einsetzen, durch die Wagen 1.Klasse hindurch. Die meisten Vorbeiziehenden besitzen wohl kein Billett für die 1.Klasse. Ist das Nach-Vorne-Wandern überhaupt erlaubt? Daniel H., Zürich

Ein heisses Eisen, das Sie da anpacken, lieber Reisender! Als die „Basler Zeitung“ Ende 2009 den Fall eines Passagiers zweiter Klasse schilderte, der für seine Anwesenheit in der 1. Klasse gebüsst wurde, gingen die Emotionen hoch wie ein zerstörerischer Tsunami. In über 200 Reaktionen wurde aller aufgestauter Pendlerfrust abgelassen, kombiniert mit einer giftigen Mischung aus Sozialneid und Beamtenhass. Sie können alles im Online-Datenarchiv nachlesen.

Tatsächlich ist allein schon der Aufenthalt im Bereich 1. Klasse ohne ein entsprechendes Billett regelwidrig – auch im Gang oder dem Türbereich. Und damit ich jetzt nicht gleich der Blitzableiter für neue Hasstiraden bin: Das habe nicht ICH mir ausgedacht, sondern die Bahn – die im geschilderten Fall aber auch meinte, dass ihre Kontrolleure „gesunden Menschenverstand“ walten lassen sollten. Es gibt also Ermessensspielraum.

Aus Sicht des Stils und der verfeinerten Lebensführung würde ich sagen: das rituelle Nach-Vorne-Wandern ist anderen Menschen potenziell lästig, also sollte man es sein lassen. Auf dem Perron geht man doch wesentlich unbeschwerter und rascher durchs Leben? Andererseits: Öffentlicher Verkehr ist immer auch eine Frage der Toleranz. Vielleicht widmen Sie sich also künftig besser dem vor dem Fenster vorbeiziehenden Gratispanorama statt der Völkerwanderung im Waggon?

Freitag, 16. April 2010

Schwarzleser

Mich stört es enorm, wenn andere Leute mir beim Zugfahren in meine Zeitung schielen, um gratis mitzulesen. Wie kann ich meinen Unmut stilvoll artikulieren? Leo P., Horgen

Lieber Leo, Ihre rührende Zuschrift scheint förmlich aus einer anderen, längst vergangenen Zeit zu kommen, denn: Heute liest die ganze Welt doch sowieso umsonst im Zuge – es liegen manchmal mehr Gratiszeitungen herum, als Passagiere in den Wagen sitzen. Sie aber haben vermutlich nicht eine solche Schnelllese-Postille in der Hand, sondern eine richtige, abonnierte Zeitung, welche diesen Namen noch verdient. Dazu erst einmal meine herzliche Gratulation. Sie gehören zu einer zwar schwindenden, aber ruhmvollen Gesellschaftsgruppe. Sie sind vermutlich ein etwas altmodischer, aber gepflegter Typ mit Manieren und ordentlicher Garderobe. Vielleicht tragen Sie sogar einen eleganten Hut. Sie haben Stil – und das merken die anderen Passagiere natürlich. Sie fallen mit Ihrer grossformatigen, «echten» Zeitung auf, und Sie erwecken Neugier oder Neid. Die anderen wollen auch so sein wie sie, und deshalb schielen sie Ihnen ständig in die Zeitung. Sie wollen sehen, ob da drinsteht, wie man im Leben zum Erfolg kommt. Seien Sie also nicht kleinkariert, sondern jener grossmütige Mann von Welt, den man in Ihnen sowieso vermutet, und verleihen Sie Teile Ihrer Zeitung an die anderen Passagiere. Geben Sie ganze Bünde zum Lesen weiter! Die anderen sollen ruhig auch einmal sehen, dass es noch Texte gibt, die länger als acht Zeilen sind.